Grundnahrungsmittel und Energie in Konkurrenz

Überall hört man vom Klimawandel. Diesel, Benzin, Heizöl und Gas werden für jeden spürbar teurer. Die Schwellenländer der dritten Welt wie Indien und China fragen immer mehr Energie auf den Märkten nach. Gleichzeitig wird prognostiziert, dass die Ölreserven immer knapper werden. Was ist der Ausweg aus diesem Dilemma?
 

Das Motto der ökumenischen Fastenkampagne in der Schweiz, an der sich auch das Christkatholische Hilfswerk Partner Sein beteiligt, lautet dieses Jahr 
"Damit das Recht auf Nahrung kein frommer Wunsch bleibt"
 

NawaRo (nachwachsende Rohstoffe) heißt das Zauberwort. Der Energiehunger von Industrie, Privathaushalten und Verkehr nach fossilen Brennstoffe soll durch Bioenergie gestillt werden, die in der Natur nachwächst. Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe erscheint im ersten Moment Ökologie und Sicherung der Energieversorgung miteinander in Einklang bringen zu können, wird doch der Atmosphäre durch den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen das Treibhausgas Kohlendioxid entzogen. Das wäre ein Weg der Energieerzeugung, der der Klimabilanz nicht schaden würde.

Auch hätte die Landwirtschaft wieder eine sinnvolle Perspektive: Die Bauern, die wegen der fallenden Lebensmittelpreise am Tropf des Staates hängen, könnten sich durch den Anbau von Pflanzen, die für die Energieversorgung genutzt werden, ihre wirtschaftliche Existenz sichern. Entsprechend werden nun der Anbau von ölhaltigen Pflanzen, wie Rapsöl und Getreide zur Erzeugung von Biodiesel und Ethanol gefördert.

Die Praxis hat leider auch noch eine andere Seite. Der Beitrag zur Energieversorgung Europas durch nachwachsende Rohstoffe ist bei den Mengen, die verbraucht werden, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Selbst wenn die Landwirtschaft nur noch für die Energiewirtschaft arbeiten würde, wäre der Bedarf mit heimischer Energie nicht zu decken. Das bedeutet, dass Europa weiterhin auf Energieimporte angewiesen sein wird. Dies könnte nun aber doch eine Chance für die Länder der Dritten Welt sein.
 
Doch führt die Nutzung nachwachsender Rohstoffe zu Turbulenzen in der Agrarwirtschaft: Zum einen werden Erzeugnisse, die bislang in die Nahrungsmittel- oder in die Viehproduktion eingingen, nun auch von der Energiewirtschaft nachgefragt. Eine erhöhte Nachfrage bedeutet einen höheren Preis für diese Produkte. Die Bauern freut’s, den Verbraucher weniger. 

Auch die Frage, wie soll ein Bauer die ihm zur Verfügung stehenden Flächen nutzen, hat Einfluss auf die Lebensmittelpreise. Ein Bauer steht ja vor der Wahl, ob er seine Fläche mit lebensmittel- oder energieerzeugenden Pflanzen bebauen soll. Dies nennt man „Flächenkonkurrenz“. Energie- und Nahrungsmittelerzeugung konkurrieren um begrenzt vorhandene Agrarflächen. Wenn die energieerzeugende Industrie bessere Preise für z. B. ölhaltige Früchte zahlt, wird dies dazu führen, dass immer weniger Anbaufläche für die Lebensmittelerzeugung zur Verfügung gestellt wird. 
 

Partner Sein förderte auf den Philippinen die Reisbauerngenossenschaft, Sierra Bullones auf der Insel Bohol. Sie versorgt nun rund 70 Familien. Partner Sein  half beim Aufbau eines neuen Reis-und Düngerdepots. Mit den Ueberschüssen aus der Reisproduktion wird ein Kindergarten finanziert. Sind nachwachsende Rohstoffe, die in die Energieversorgung gehen, eine Chance für diese Menschen?

Durch die Bioenergieerzeugung sind zunächst nur lokale Märkte betroffen, denn es lohnt sich nicht, Biomasse weit zu transportieren. Dennoch: Macht in Niedersachsen ein Biokraftwerk auf, so treibt dies den Schweine- und Geflügelzüchtern in dieser Gegend die Sorgenfalten in die Stirn. Sie werden für das Futter mehr bezahlen müssen und können diese Kosten nur begrenzt an den Endverbraucher weitergeben. 

Nachdem die Lebensmittelpreise über Jahrzehnte gesunken sind, steigen sie nun wieder. In Deutschland wurden die Bierpreise mit Hinweis auf gestiegene Getreidepreise erhöht. Ähnliches geschah mit den Preisen von Fleisch- und Milchprodukten, denn die Tiere fressen nun einmal Getreide. 

In Mitteleuropa wird ja nur ein Bruchteil des Einkommens für die Ernährung verwendet. Somit sind für den Einzelnen die Erhöhung der Lebensmittelpreise relativ leicht zu verkraften. In Entwicklungsländern ist dies jedoch anders. Hier geht ein wesentlich höherer Anteil des Einkommens in die Ernährung ein, weshalb ein Anstieg der Lebensmittelpreise wesentlich einschneidendere Folgen für die Menschen hat. In den USA geht immer mehr Mais statt in den Export nach Mittelamerika in die heimische Energieproduktion. Infolgedessen haben sich die Preise für Lebensmittel in Mexiko so erhöht, dass 100.000 Menschen auf die Strasse gingen. Sie können sich ihre Tortillas, ein Grundnahrungsmittel in Mexiko, nicht mehr leisten. In China beträgt die In-flationsrate zwar 6 %. Die Inflationsrate bei Lebensmitteln beträgt jedoch das Dreifache: 18 %. Schweinefleisch kostet sogar 56 % mehr als im Vorjahr.

Dies zeigt, dass gerade Länder der sogenannten Dritten Welt vom Bioenergieboom bedroht sind.

Und auch wenn z. B. wie aktuell in Südtirol ein Kraftwerk erbaut werden soll, das mit "umweltfreundlichem" Palmöl betrieben werden soll, dann hat dies erhebliche Folgen für die Umwelt: allerdings in Indonesien. Dort werden die Palmölplantagen immer weiter ausgedehnt und der Urwald immer mehr gerodet. Natürliche Lebensräume wie z. B. für den Orang-Utan verschwinden immer mehr. Die Urwaldböden sind wichtige Speicher für das Treibhausgas Kohlendioxid. So wird durch vermeintlich klimaschonende Monokulturen zusätzlich Treibhausgas freigesetzt. Der Anbau von Bioenergie in Monokulturen gefährdet zudem die Artenvielfalt. Gleiches gilt für die Erzeugung von Bioethanol im Amazonasbecken.

Die Erzeugung nachwachsender Rohstoffe soll natürlich wirtschaftlich effizient sein, daher wird die landwirtschaftliche Produktion intensiviert werden. Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel kommen zum Einsatz und auch die Gentechnik wird ein Augenmerk auf die Energieverwertung von Pflanzen haben. 

An der Börse sind Aktien von Bioenergiefirmen der Renner. Die Erzeugung von Bioenergie wird in der Hand von großen Konzernen liegen, die Bioenergie industriell er-zeugen werden. Die gewachsenen bäuerlichen Strukturen werden zerstört werden und die Menschen, die ihre Flächen zuvor eigenverantwortlich bearbeitet haben, werden zu Angestellten, wohl eher Tagelöhnern, werden.

Ob das Ungleichgewicht zwischen Industrieländern und Drittweltländern durch die Erzeugung nachwachsender Rohstoffen ausgeglichen werden wird, darf mit einiger Skepsis hinterfragt werden. Die Notwendigkeit, Energie zu sparen, bleibt gerade in den Industrieländern bestehen. Die Frage, was kommt bei denen, die unten sind, letztlich an, ist immer dringender. Denn letztlich werden sie mit dem Verlust ihrer natürlichen Umwelt und ihrer sozialen Strukturen mit einem Linsengericht bezahlt. Wenn die dann überhaupt noch angebaut werden.
 
 

Stefan Wedra

Das Bildmaterial stammt von der Homepage des Christkatholischen Hilfswerks Partner Sein.